Eigentlich waren wir davon ausgegangen, über den heutigen ersten Tag, also Samstag, den 16.03. nicht viel berichten zu können, da dies quasi unser Anreisetag war. Doch die Eindrücke, die wir an diesem Tag sammelten, waren sehr einprägsam und schwer in Worte zu fassen. Die Freundlichkeit und der solidarische Umgang untereinander haben uns komplett umgehauen. Zunächst wurde uns ein herzlicher Empfang von den Genoss_innen bereitet. Wir wurden vom Flughafen in Amed/Diyarbakir abgeholt und ersteinmal zur Zentrale der kurdischen Partei für Frieden und Demokratie (BDP) gebracht. Aufgrund der Vorbereitungen für Newroz herrschte dort reger Betrieb und wie uns berichtet wurde, hatten sich nur ein paar Stunden vorher zahlreiche Panzer und türkische Sicherheitskräfte in der Nähe der BDP-Zentrale eingefunden, um mögliche Protestaktionen zu verhindern bzw. anzugreifen. 

Eine Sache wird eine_r_m in Amed sofort klar, nämlich, dass es sich hier um eine von der türkischen Armee und dem türkischen Staat besetzte Stadt handelt. Bereits der Flughafen ist hauptsächlich ein Militärflughafen, an dem zahlreiche Hubschrauber, Militär- und Kriegsflugzeuge zu sehen sind. Kaum hatten wir den Flughafen verlassen, ging es vorbei an von Soldaten mit Maschinengewehren bewachten Militäranlagen, mit Stacheldraht abgezäunten Wohnsiedlungen der türkischen Soldaten und ihrer Familien, sowie der riesigen, ebenfalls militärisch gesicherten Polizeizentrale und dem berühmten Gefängnis von Amed/Diyarbakir, das sich mitten in der Stadt befindet. Dieses erlangte traurige internationale Berühmtheit nach dem Militärputsch von 1980, wo hunderte politische Gefangene der türkischen Linken und vor allem der PKK für teilweise länger als ein Jahrzehnt inhaftiert und schwerster, systematischer Folter ausgesetzt waren. Durch den Widerstand der Bewegung, wie uns mitgeteilt wurde, befinden sich heutzutage keine sogenannten „politischen“ Gefangenen mehr in dem Gefängnis. Diese würden in ein Gefängnis am Stadtrand gebracht. In diesem Zusammenhang ist es auch interessant aber erschreckend, wie sehr der türkische Staat in der Vergangenheit und heutzutage versucht, das Stadtbild mit nationalistischer Propaganda zu prägen. Alle vom Staat geförderten Vereine und Projekte, sowie die restlichen staatlichen Einrichtungen sind mit der türkischen Nationalflagge versehen und an einem zentralen Platz ist ein großes Denkmal für die gefallenen türkischen Besatzungssoldaten installiert, unter dem es in großen Buchstaben heißt: „Das Vaterland ist ein Ganzes – Es kann nicht geteilt werden“ Die zahlreichen gepanzerten Polizeifahrzeuge der Spezialkräfte, Räumpanzer und allgemein die Präsenz türkischen Militärs und der Polizei sind allgegenwärtig.

Zu beachten sind auch die sozialen Gegensätze in Amed: Während ein Großteil der hier lebenden Kurd_innen in großer Armut lebt und arbeitslos ist, gibt es einige kleinere Reichenviertel (die wir allerdings noch nicht gesehen haben) und die „Gated-Communities“- ähnlich abgegrenzten und geschützten Wohnsiedlungen der Militärs.

Weiterhin fiel uns auf, dass das kommende Newroz-Fest bereits das gesamte Stadtbild prägt: In jeder Straße, Ecke und Gasse befinden sich Plakate, die zu den Newrozfeierlichkeiten aufrufen. An einigen Stellen hängen Transparente zu Newroz von einer Straßenseite zur anderen und Grün-Gelb-Rote-Girlanden hängen von der BDP-Zentrale und an anderen Plätzen.

Später kehrten wir zurück zur BDP und machten uns mit einigen Genoss_innen auf dem Weg zu einem Verein der Bewegung in dem Stadtteil Baglar. Auf dem Weg erzählten uns die Genoss_innen Anekdoten aus ihrem politischen Alltagsleben. Sie erzählten uns von der Repression, dem Bewusstsein jeden Tag inhaftiert werden zu können und ihren Bemühungen, die demokratische Selbstverwaltung unabhängig vom Staat aufzubauen. Die staatlichen Angriffe auf Demonstrationen und Versammlungen durch massiven Tränengasbeschuss gehört zu diesem Alltag. So auch während der letzten Beerdigung von gefallenen Guerilla-Kämpfer_innen. Immer wieder werden kurdische Aktivist_innen auch durch z.B. Kopftreffer mit Tränengasgranaten ermordet, wie zuletzt während der Aktionen zum 15. Februar 2013, dem Jahrestag, an dem Abdullah Öcalan 1999 festgenommen und in die Türkei verschleppt wurde.

Viele derjenigen, die sich nicht direkt an den Straßenschlachten beteiligen, verteilen während solcher Aktionen massenhaft Zitronen oder schmeißen diese von Häuserdächern, da sie gegen die reizende Wirkung des Tränengases in Gesicht und Augen helfen sollen. Dazu sagte ein Genosse:„Um uns gegen die Angriffe des Staates verteidigen zu können haben wir gelernt kreativ zu sein“

Mittlerweile sitzen sogar einige genau deswegen in Haft.

Anschließend fuhren wir durch den Stadtteil Baglar, der allgemein für seine Demonstrationen und Aktionen bekannt ist, worauf ein Großteil der Bewohner_innen sehr stolz ist.

Wir besuchen den Verein „Özgür Yurldas Dernegi“ (Verein freier Bürger_innen), der verhältnismäßig klein erscheint, aber von immenser Bedeutung für die Bewegung ist, da er quasi die Basis für die praktische Umsetzung des Konzepts des „Demokratischen Konföderalismus“ bzw. der „demokratischen Autonomie“ in Baglar ist. Etwa 70 Genoss_innen sind dort organisiert und versuchen mit ihrer Arbeit einerseits die Beschlüsse des Stadtteilrates umzusetzen und mit ihrer Arbeit die Selbstverwaltung der kurdischen Bevölkerung voranzutreiben. Die basisdemokratische Organisierung der Bevölkerung von Unten nach Oben nimmt immer größere Ausmaße an. Ihre Arbeit hat in den letzten Jahren erkennbare Früchte getragen. Es existieren in Amed mittlerweile Viertelräte, Stadtteilräte und ein großer Stadtrat. Diese stellen die jeweils nächsthöhere Entscheidungsebene dar und werden von den jeweils unteren Ebenen zusammengesetzt. Der Stadtrat ist an die Entscheidungen, die in den Stadtteilräten getroffen werden, gebunden. Die Räte und insofern die Bevölkerung haben die Kraft entwickelt, ein wesentlicher Faktor für die Umsetzung von Projekten der Stadtverwaltung zu sein.

Weitere Aufgaben des Vereins und des Stadtteilrats seien, bei Konflikten zwischen Familien zu vermitteln und Konfliktlösungen zu erarbeiten und gegen Gewalt gegenüber Frauen vorzugehen. So hätten sie z.B. vor einer Woche die Zwangsheirat einer 18-jährigen Frau verhindert. Als Schutzmaßnahme hätten sie, nachdem der Stadtteilrat davon gehört hatte, die Betroffene zunächst aus der Familie zu sich geholt.

Später machten wir uns auf dem Weg zu einer Familie, die uns eingeladen hatte bei ihnen zu übernachten.

Die Familie war unglaublich gastfreundlich und wir verbrachten den Rest des Abends mit langen, interessanten Gesprächen und Diskussionen, die uns noch immer beschäftigen und einen großen Eindruck auf uns hinterließen.

Die Genoss_innen, mit denen wir die Gelegenheit hatten, wenn auch nur kurz, über die aktuelle Phase und die angelaufenen Friedensgespräche zu sprechen, sagten, dass sie sich keine falschen Hoffnungen machten. Sie hätten aus der Vergangenheit gelernt und stützten sich lieber auf die eigene Kraft, als auf die Vernunft und Einsicht des türkischen Staates oder der EU zu bauen. Sie würden alles tun, um den Krieg zu beenden und sich für eine politische Lösung des Krieges einzusetzen, aber aufgrund ihrer Erfahrungen und Einschätzungen sich nicht darauf verlassen, denn das sei genau das Ziel der AKP, nämlich die kurdische Bewegung zu schwächen, demoralisieren und zu spalten.

Newroz-Delegation 2013