Am heutigen Tag nahmen wir am Newroz-Fest in Colemêrg/Hakkari teil. Bereits früh am morgen begann die Bevölkerung damit in den Straßen zu feiern. Wir gingen zunächst zu einer feiernden Menge, die sich aus den Bewohner_innen des Stadtteils, in dem wir geschlafen hatten, zusammensetzt. Immer mehr Menschen stießen aus allen Ecken dazu, es wurden Lieder gesungen und getanzt. Schließlich formierte sich die Menge zu einer großen und kraftvollen Demonstration, die sich auf dem Weg zum zentralen Platz für Newroz machte und in die wir uns einreihten. Die Energie und Entschlossenheit der Demo war überwältigend und wenig zu vergleichen mit Demonstrationen in Deutschland. Das Ganze fand vor der unbeschreiblich beeindruckenden Kulisse von riesigen, verschneiten Bergen im Hintergrund statt.

Bereits an der ersten Kreuzung ging es vorbei an von Militär und Spezialeinheiten gesicherten Wohn- und Militäranlagen der türkischen Soldaten und ihrer Familien. Während unten die schwer bewaffneten Soldaten standen, stand in einem der Häuser weiter oben auf einem Balkon eine Frau, die türkische Fahne schwenkend und das Zeichen der türkischen Faschist_innen zeigend. Doch die kurdischen Genoss_innen ließen sich von dieser eindeutig bewussten Provokation nicht beeindrucken und zogen lautstark und unter Feuerwerk weiter.

Auf dem Weg der Demonstration kamen wir noch an weiteren bewaffnet geschützten Stützpunkten der Polizei und des Militärs vorbei. Diese hielten sich jedoch zurück, die Demonstration anzugreifen, was der Einschätzung der Genoss_innen vor Ort entsprach. Im Gegenteil zum letzten Jahr wurden die Newrozfeste nicht verboten und, obwohl es zu den unerwarteten Angriffen auf das Fest in Erzurum und ein Stadteilfest in Batman gekommen war, war die Lage im Verhältnis zum letzten Jahr, als es auf fast allen Newrozfesten zu massiven Straßenschlachten kam, entspannt.

Auf dem Platz selber erwartete uns dann eine beeindruckende Szenerie. Über dem Platz hingen lange grün-gelb-rote Girlanden aus Luftballons, tausende Menschen darunter feierten und demonstrierten. Auf der gegenüberliegenden Seite befand sich eine große Bühne ausgestattet mit zahlreichen Transparenten, unter anderem mit Symbolen der PKK, von Öcalan und eines mit Öcalan und Sakine Cansiz.

Erneut wurden wir herzlich empfangen. Wir wurden zum Tanzen eingeladen und mitgerissen von der euphorischen Stimmung. Von der Bühne erklang laute Musik und zwischendurch wurden Reden von Genoss_innen der Bewegung, unter anderem Gülten Kışanak gehalten. Gülten Kışanak ist – wie wir im letzten Bericht bereits erwähnt hatten – die Co-Vorsitzende der BDP und beteiligte sich z.B. vor kurzem an einer Delegation von BDP-Abgeordneten in die Kandil-Berge. Kandil – das ist die befreite Region der Volksverteidigungskräfte (HPG) in Südkurdistan/Nordirak und wird auch Medya-Verteidigungsgebiete genannt. Diese Delegation hatte einen Brief von Öcalan im Rahmen der entstehenden Friedensgespräche an das KCK- Exekutivkomitee überbracht. Gülten Kışanak hatte sich auch an einem internationalen Kongress zur Ideologie des „Demokratischen Konföderalismus“ im Frühjahr 2012 in Hamburg beteiligt. Sie ist für viele Kurd_innen eine wichtige Symbolfigur.

Das Wetter schiein dann doch nicht richtig mitspielen zu wollen. Kurz nach unserer Ankunft auf dem Platz, während der Rede von Kışanak, fing es an extrem zu schneien. Doch die Leute ließen sich davon nicht beeinflussen und sangen und tanzten weiter und riefen Parolen.

Kurze Zeit später hielt dann die Delegation aus Deutschland des Verbandes der Studierenden aus Kurdistan (YXK) eine Rede und auch wir bekamen die Gelegenheit, ein Grußwort an die kurdischen Genoss_innen vorzutragen. Aufgrund des vollen Programms mussten wir unsere vorbereitete Rede leider stark kürzen. Nichtsdestotrotz gingen wir extrem aufgeregt auf die Bühne und standen auf einmal der Menge von mehr als 10.000 Menschen gegenüber. In unserer kurzen Grußbotschaft erklärten wir unsere Solidarität mit der kurdischen Befreiungsbewegung, dass wir fest entschlossen an ihrer Seite stünden und nach unseren Möglichkeiten versuchen würden, in Europa den Freiheitskampf zu unterstützen. Wir erklärten unsere Begeisterung für das Konzept des Demokratischen Konföderalismus und verurteilten die aktive Beteiligung Deutschlands an der Besatzung Kurdistans und dem Krieg. Am Ende hießt es: „Hoch die internationale Solidarität! Newroz pîroz be – Berxwedan jiyan e!“ Wir alle waren sehr bewegt, als wir unsere Fäuste hoben und tausende Genoss_innen es uns gleich taten.

Nach dem Fest gingen wir in den örtlichen Kulturverein der Bewegung. Hier versuchen sie, die kurdische Identität und Kultur wieder aufleben zu lassen und vor allem den Jugendlichen näher zu bringen und ihnen somit auch eine Beschäftigung, jenseits von der Straße zu geben. Wir führten ein langes Gespräch mit den Freund_innen aus dem Verein, einem BDP-Politiker aus der Stadtverwaltung und weiteren Genoss_innen.

In den Räumen des Vereins finden regelmäßig Veranstaltungen statt, es werden verschiedenste Kurse angeboten. So gibt es Theater-, Folklore-, Zeichnen- und Saz (kurdisches Saiteninstrument)- Kurse. Musikalisch lehren sie die „Dengbeş“-Musik. Diese ist ein kulturelles Gut der kurdischen Bevölkerung. In ihrer Kultur wurden Ereignisse früher nicht schriftlich überliefert, sondern mittels der Musik weitergegeben.

Der Verein existiert seit etwa zwei Jahren und während es zu Anfang schwer war die Menschen zu begeistern, ist die Nachfrage mittlerweile sehr gestiegen. Teilweise werden Kurse von über einhundert Leuten, bei denen das Alter zwischen 10 und 60 variiert, besucht. Auch der türkische Staat versuchte eigene Kulturarbeit nach seinen Vorstellungen zu machen, doch diese wurde von der Bevölkerung geschlossen gemieden.

Colemêrg ist eine Stadt, in der der Krieg aufgrund der örtlichen Lage seit Jahrzehnten besonders präsent ist. Nach der Aussage des Genossen von der BDP hätte die Stadt bei normaler Entwicklung heute um die 26.000 Einwohner_innen. Doch aufgrund des Krieges und des gezielten Vertreibung der kurdischen Bevölkerung aus ihren Dörfern leben hier mehr als 60.000 Menschen. Dies hat für extreme strukturelle Probleme gesorgt, um die sich seitens des türkischen Staates nie gekümmert wurde. Dazu kommt die finanzielle Benachteiligung, die einem wirtschaftlichen Embargo gleichkommt, gegenüber den von der BDP regierten kurdischen Gebieten und dass die wirtschaftliche Entwicklung in den kurdischen Regionen seit der Gründung der Türkei von den verschiedenen Regierungen bewusst auf einem niedrigen Niveau gehalten wurde. Colemêrg ist auch die einzige größere Stadt in der Türkei, in der es keine Fabriken gibt. 75% der hier lebenden Menschen sind arbeitslos.

Die BDP hat bereits einige Projekte zur Verbesserung der Situation und Lösung der strukturellen Probleme entwickelt, doch ohne die finanziellen Mittel und konfrontiert mit ständiger staatlicher Repression gegenüber den Selbstverwaltungsstrukturen, ist die herrschende Situation nicht einfach zu überwinden.

Später redeten wir mit einem anderen Genossen auch noch über die Umsetzung der „demokratischen Autonomie“ in Colemêrg, die alltägliche Repression und die allgemeine Situation, wie den angeblichen Friedensgesprächen, sowie die Stimmung innerhalb der Bevölkerung und Bewegung.

Eine ausführlichere Darstellung der Ergebnisse aus den Gesprächen wird demnächst folgen und natürlich auch Thema bei unseren Veranstaltungen sein. Unsere erste Informationsveranstaltung ist am 10.04. um 18:30Uhr im Centro Sociale in Hamburg.

Später wurden wir dann von einigen Familien eingeladen, wo wir erneut interessante, bewegende und lange Gespräche führten. Motiviert und mit großer Vorfreude auf den nächsten Tag ging es dann ins Bett.