Heute fand bei gutem, sonnigen Wetter die zentrale Newroz-Feier in Amed und damit das größte Newrozfest in Kurdistan statt. Während im letzten Jahr etwa eine Millionen Menschen daran teilnahmen, wurden die Erwartungen dieses Jahr übertroffen und zwei Millionen Menschen gingen für den Frieden in und die Befreiung Kurdistans auf die Straße. Aus verschiedenen Städten Nordkurdistans und auch aus anderen Ländern der Welt reisten Genoss_innen zu dieser gigantischen Manifestation der Kraft der kurdischen Befreiungsbewegung an.

Schon auf dem Weg zum Newroz-Gelände etwas außerhalb der Stadt sahen wir, wie von überall Menschen aus der Stadt in die gleiche Richtung strömten und auf den Ladeflächen der Pick-ups wurden kleine Kinder und ältere Leute gefahren. Uns wurde schnell deutlich, wie groß und bedeutungsvoll dieses Fest werden würde. Je näher wir dem Einlass kamen, desto größer wurde der Menschenstrom, in dem wir Richtung Festgelände gingen. Beinahe alle Menschen hatten sich mit rot-gelb-grünen Bändern und Tüchern geschmückt, einige trugen Guerilla-Anzüge und viele traditionelle kurdische Kleidung.

Auch bei diesem Fest gab es wieder Einlasskontrollen, bei denen wir abgetastet und unsere Taschen durchsucht wurden. Direkt hinter den Kontrollen auf dem Festgelände hatten Militärs ihre Räumpanzer und einen Wasserwerfer geparkt. Nachdem wir die Kontrollen passiert haben, kamen einige der Polizisten in Zivil bzw. des türkischen Geheimdienstes auf uns zu und wollten unsere Ausweise sehen. Sie fotografierten und filmten uns und unsere Ausweise sowie die Menschen, mit denen wir zum Fest gekommen sind. Diese Provokation der Polizei war schwer für uns einzuschätzen. Es deutet allerdings einiges darauf hin, dass es keine geplante Aktion war, sondern eine spontane Reaktion, darauf dass wir sie fotografieren hatten oder gegebenenfalls ein Einschüchterungsversuch für ausländische Besucher_innen.

Die Stimmung auf dem Fest war intensiv und mitreißend. Es wurde viel getanzt, gerufen und zur Musik geklatscht. Außerdem wurden viele Fahnen, von Öcalan, der PKK, KCK und YPG geschwenkt. Das Fest in Amed war nicht nur größer sondern seine Ausrichtung auch sehr viel politischer als die der anderen Newroz-Feiern. Es wurden mehr Reden gehalten und weniger Musik gespielt. Der Höhepunkt war der Brief von Öcalan, den dieser im Gefängnis geschrieben hatte und der auf dem Fest vorgelesen wurde. Die Newroz-Botschaft Öcalans wurde seit Wochen gespannt erwartet. Sie steht im Zusammenhang mit den seit Ende letzten Jahres begonnen Gesprächen zwischen Vertretern des türkischen Staates und Öcalan, der BDP und PKK. In diesem Brief schrieb Öcalan unter anderem, dass sich die Guerilla nach den Newroz-Feierlichkeiten zurück ziehen soll. Öcalan kündigt eine neue Phase an, in der die Waffen schweigen und keine Menschen mehr sterben sollen – also der Krieg beendet werden kann. Diese neue Phase soll sich nicht durch den militärischen, sondern den politischen und zivilen Widerstand auszeichnen. Während die Ausrufung eines einseitigen Waffenstillstands erwartet wurde, war die Botschaft, dass sich die HPG zurückziehen solle für die meisten eine Überraschung.

Viele Menschen hätten auch erwartet, dass Öcalan in diesem Brief konkreter beschreiben würde, wie er sich den Rückzug vorstellt. Jetzt warten die Menschen einerseits auf die Reaktion der PKK sowie auf das weitere Verhalten des türkischen Staates. Alle erinnern sich noch an das Verhalten des türkischen Staates 1999, wo sich die Guerilla ebenfalls zurückzog und hunderte von ihnen getötet wurden. Auch momentan werden trotz der Friedensgespräche, weiterhin politische Aktivist_innen verhaftet und die Stützpunkte HPG in Südkurdistan bombardiert. Besonders vor dem Hintergrund der zwei in der Vergangenheit vom türkischen Staat abgebrochenen Friedensgespräche bleiben die Genoss_innen kritisch. Doch ihr Vertrauen in Öcalan lässt sie auch hoffen.

Das Fest verlief friedlich und wurde nicht von der Polizei angegriffen, sondern lediglich von Hubschraubern überflogen. Dies ist ein großer Unterschied zum letzten Jahr, wo das Fest verboten wurde und es zu Ausschreitungen kam, wobei die Bevölkerung schließlich durchsetzen konnte, ihr Fest zu feiern. Den Abend verbrachten wir damit über die erlebten Newrozfeste, die Erlebenisse und Erfahrungen und die Botschaft Öcalans zu diskutieren.