Am Samstag, also unserem letzten Tag in Amed, haben wir zuerst die Kundgebung von dem Verein für Verschwundene besucht. Diese Kundgebungen werden jeden Samstag veranstaltet. Es soll auf die grausame Praktik des türkischen Staates aufmerksam gemacht werden, der politisch aktive Menschen einfach verschwinden lässt. Alleine in den 90er Jahren verschwanden 17.000 Menschen. Die Leichen werden zum Teil Jahre später entdeckt oder oft gar nicht gefunden. Für die Familienangehörigen ist dies eine ungeheure Qual, da sie nicht wissen, was mit den Verschwundenen passiert ist – sie kommen einfach eines Tages nicht mehr nach Hause. Zu dem werden Familienangehörige, die versuchen dem Verschwinden nachzugehen, bedroht oder gefoltert.

Anschließend wollten wir den Verein Sarmasik besuchen, der sich um die Armutsbekämpfung in Amed bemüht. Er wurde 2006 von verschiedenen Aktivist_Innen, sowie Abgeordneten, Menschenrechtsbeauftragten und dem damaligen Bürgermeister gegründet. Ursprünglich wollten sie lediglich die Armutsverhältnisse untersuchen und Kräfte mobilisieren, um die Armut in Amed nachhaltig zu bekämpfen. Bei ihrer Arbeit ist ihnen aufgefallen, dass viele Hilfsorganisationen die Ursachen der Armut in ihrer Komplexität verstehen und daher auch gute Hilfe leisten können. Die meisten Familien haben immer wieder betont, dass sie vor allem Nahrungsmittel benötigen. Geldspenden werden als problematisch angesehen, da das Geld zum Teil den Männern ausgegeben wird, die sich nicht ausreichend um das Wohl der gesamten Familie bemühen.

Daher hat sich der Verein entschieden, eine Lebensmittelbank ins Leben zu rufen. Dort können Familien nach ihrem Bedarf Lebensmittel kostenlos bekommen. Da nach kurzer Zeit etwa 20.000 Anträge bei Sarmasik eingingen, wurde sich entschieden, lediglich die bedürftigsten Familien zu unterstützen. Bedürftig ist in diesem Sinne, wenn es in der Familie keinen erwachsenen Mann gibt, der durch Arbeit für den Lebensunterhalt sorgen kann. Frauen haben es in Amed auf Grund von immer noch herrschenden feudalen und patriarchalen Strukturen enorm schwer, einen Arbeitsplatz zu finden. Dies berücksichtigt der Verein und erwartet daher nicht, dass die Frauen einen Arbeitsplatz finden können, durch den sie den Lebensunterhalt für ihre Familie sichern können.

In dem Verein sind 5 Menschen fest angestellt, aber es arbeiten regelmäßig noch 10 weitere Personen freiwillig mit. Finanziert wird es größtenteils durch Fördermitglieder von denen es etwa 7.000 Personen gibt, die jede_r 5 bis 10 Lira pro Monat spenden. Somit können im Moment 1.600 Familien unterstützt werden. Zusätzliche Projekte von Sarmasik sind die Unterstützung von Schüler_innen. 10 Kindern wurden die Ausgaben für Schulmaterialien komplett erstattet und es werden soziale Aktivitäten veranstaltet wie Kino oder Theater Besuche. Außerdem gibt es Aufklärungsarbeit für schwangere Frauen über gesundheitliche Themen.

Der türkische Staat versucht allerdings auch dieser Einrichtung ihre Arbeit zu erschweren. Nach der Gründung schickte das Innenministerium extra 2 Sonderbeauftragte aus Ankara, die ganz offensichtlich die Mission hatten, den Verein zu schließen. 14 Tage untersuchten sie jedes Dokument und versuchten Fehler zu finden. In der ersten Zeit des Vereins gab es auch eine gewisse Zusammenarbeit mit dem Gouverneur, wodurch die Lebensmittelnbank zusätzlich staatliche Unterstüzung erhielt. Nach 2 Jahren wurde allerdings ein neuer Gouverneur gewählt, der jede Zusammenarbeit verhinderte. Er verklagte Sarmasik sogar, weil er die Richtigkeit der Zusammenarbeit mit dem früheren Gouverneur für illegal hilt. In einem sehr fragwürdigen Prozess wurde Sarmasik verurteilt 400.000 Türkische Lira (ca. 173.000 €) an die Stadtverwaltung zu zahlen. Außerdem erhielten sie eine Geldstrafe in Höhe von 860 Lira (373 €) weil sie angeblich ohne Genehmigung Spenden gesammelt hatten. Diese Anschuldigungen stützten sich darauf, dass nach dem Erdbeben in Wan besonders viele Menschen an Sarmasik gespendet hatten. Zusätzlich wurden erst die Konten von Sarmasik eingefroren und 70.000 Lira (30.000€ ) beschlagnahmt. Wegen des selben Vorwurfs mussten sie außerdem 124.000 Lira (104.300 €) Strafe zahlen, weil sie auf ihrer Internetseite ihre Kontodaten angaben und dies angeblich ein Spendenaufruf darstellten sollte, wofür sie keine Genehmigung hätten. Am Ende des Prozesses wurden 70.000 Lira beschlagnahmt. Noch immer ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen Sarmasik, weil angeblich 56 % der unterstützen Familien PKK-Anhänger_innen seien. Die Kriterien des Vereins beziehen sich aber lediglich auf die Bedürftigkeit. Es gibt keinerlei Informationen über die politische Ausrichtung der Familien. Auch bei den Familien, die unterstützt werden, weil der Mann im Gefängnis ist, handelt es sich überwiegend bei den Gründen für die Verurteilung nicht um politische Taten. Wenn die Staatsanwaltschaft diese Vorwürfe allerdings zur Anklage kommt, muss der Verein mit großer Wahrscheinlichkeit geschlossen werden.