Wie ist die Situation und das Leben der kurdischen Jugend in (Nord) Kurdistan?
Kurdistan befindet seit Jahrzehnten in einem Kriegszustand. Hier, im Norden von Kurdistan, betreibt der türkische Staat eine massive Assimilationspolitik gegen die kurdische Bevölkerung. Sowohl unsere Sprache, wie auch unsere Kultur und Geschichte werden angegriffen und es wird versucht, unsere Identität und Existenz auszulöschen. Man versucht, das kurdische Volk zu beherrschen, wogegen wir uns wehren!
Unsere grundlegende Aufgabe ist es, gegen die Assimilationspolitik des türkischen Staates anzukämpfen, wobei wir als Jugendbewegung dies vor allem im sozialen Bereich tun.
Während unserer Kämpfe gegen die systematische Unterdrückung des kurdischen Volkes, verfolgen wir eine ideologische Linie nach den Werten der demokratischen Autonomie, von der wir nicht abweichen.
Wir haben gehört, dass die Polizei und Militär Drogen an Jugendliche verkaufen. Stimmt das?
Wir wollen hier nur auf die Situation in Amed (Diyarbakir) eingehen. Insgesamt hat der Drogenkonsum in dieser Region in der letzten Zeit stark zugenommen. Wir werden von immer mehr Familien mit drogenabhängigen Jugendlichen kontaktiert, die uns erzählen, dass die Polizei Drogen an Schüler_innen und Studierende verkauft.
Es wird gezielt versucht, Jugendliche abhängig zu machen und somit zu degenerieren. Dahinter steckt das Ziel, die Jugendlichen durch ihre Sucht zu kontrollieren und für sich zu nutzen. Diese Strategie wendet der Staat vor allem bei Jugendlichen an, die sich stark mit der Bewegung verbunden fühlen, da beispielsweise Verwandte von ihnen im Krieg umgekommen sind. Durch die Abhängigkeit, möchte der Staat diese Verbundenheit durchbrechen, die Jugendlichen von politischen Aktivitäten abhalten und depolitisieren und somit die gesamte Bewegung schwächen.
Wir versuchen gegen dieses System zu kämpfen und die Jugendlichen wieder zu Menschen zu machen, die ihre Kultur ausleben können und nicht von Zwängen durch den türkischen Staat kontrolliert werden.
Wie seht ihr eure Rolle in der Befreiungsbewegung?
In der kurdischen Freiheitsbewegung sagen wir, dass die Frauen und die Jugend die treibenden Kräfte für den Aufbau einer befreiten Gesellschaft sind. Beide Bereiche organisieren sich vollständig autonom und bekommen keinerlei Befehle von anderen Teilen der Organisation.
Die Jugendbewegung entwickelt sich auf natürlicher Basis beinahe von alleine, da die Realität in Kurdistan, also der tägliche Kriegszustand und die Unterdrückung, ausreicht, um die Jugend dazu zu bringen, sich selbst zu organisieren. Der heutigen Jugend muss nicht erst erklärt werden, was der Kapitalismus ist und ihr muss nicht beigebracht werden, das System zu kritisieren. Sie kommen von alleine um sich zu organisieren und Widerstand zu leisten.
Was sind die Ziele der Frauenbewegung?
Die kurdische Frauenbewegung hat eine sehr weitreichende Sichtweise auf die Unterdrückung der Frau. Die bisherigen Kämpfe der Frauen in der Geschichte hatten immer nur beschränkte Ziele. Daher ist sie nicht gleichzusetzen mit dem europäischen Feminismus, da dieser nur bestimmte Bereiche der Unterdrückung behandelt. Der Begriff Feminismus steht an sich gegen Männlichkeit und dies trägt Konfliktpotenzial in sich. Außerdem ist der Freiheitsbegriff vieler Feministinnen zu kurz gefasst. Wenn auch der Mann das Geschirr abspült, ist dies keine Freiheit, da es selbstverständlich sein sollte.
Wir versuchen das gesamten Unterdrückungsverhältnisse innerhalb der Gesellschaft zu verstehen und zu analysieren.
Öcalan betont immer wieder die Wichtigkeit der Frauenbewegung und ihre Priorität, da es ohne die Befreiung der Frau keine befreite Gesellschaft, wie wir sie anstreben, geben kann. So hat Öcalan bespielsweise einmal gesagt: „Für mich ist die Freiheit der Frau viel wichtiger als das Land, die Erde und der Reichtum“
Wie organisiert sich die Jugend?
In der Jugendbewegung können Menschen zwischen 15 und 32 Jahren mitarbeiten.
Dieses Jugendzentrum stellt hierbei eine Art Dachorganisation dar, die alle in Amed vorhandenen Jugendgruppen vereint. Die einzelnen Jugendgruppen bilden sich vermehrt an der Universität oder an Gymnasien, wobei sich aber auch viele Jugendliche innerhalb ihres Stadtteils organisieren, sodass der Bildungshintergrund keine Rolle mehr spielt.
Wir als linke Jugendgruppe in Hamburg organisieren hauptsächlich Demos, Konzerte und Infoveranstaltungen. Wo liegen eure Schwerpunkte bei eurer Arbeit?
Der Schwerpunkt unserer Arbeit liegt vor allem im sozialen Bereich, wobei dies ja ein sehr umfassendes Arbeitsfeld darstellt. Ähnlich wie ihr organisieren wir hier auch Demonstrationen oder kulturelle und informative Veranstaltungen. Außerdem fahren wir beispielsweise in die umliegenden Dörfer, um den Menschen dort zahnärztliche Hilfe anzubieten oder tierärztliche Aufgaben in Tierzuchtbetrieben zu übernehmen.
Es geht uns bei unserer Arbeit besonders darum, möglichst vielen Menschen Hilfe durch Dienstleistungen anzubieten und ihnen gleichzeitig die Möglichkeit geben, sich zu organisieren. So haben wir beispielsweise vor einigen Monaten ein Picknick nur für Frauen organisiert.
Auch hier im Verein bieten wir unterschiedliche kulturelle und soziale Angebote an, wie Ausstellungen, betreute Hausaufgabenhilfe, Theatervorführungen oder Filmvorführungen.
Wie weit ist die Jugend innerhalb des Konzepts der demokratischen Selbstversorgung eingebunden? Sind die Jugendlichen als Vertreter_innen der Jugend oder als Bewohner_Innen eines Stadtteils in Räten vertreten?
Als bedeutender Bestandteil der Gesellschaft und als wesentlicher Faktor zum Aufbau der demokratischen Selbstverwaltung, ist die Jugend auch im Rahmen der Rätestrukturen organisiert und mit eingebunden. Hierbei nehmen organisierte Jugendliche nicht als Einzelpersonen an Ratssitzungen teil, sondern stets als Vertreter_innen der jeweiligen Jugendgruppe.
Der Jugend kommt beim Aufbau der demokratischen Selbstversorgung die Aufgabe zu, den Staat in jeglichen sozialen Bereichen abzulösen und ein eigenes und unabhängiges soziales Leben aufzubauen, in dem auch unsere Kultur Platz hat.
In wie weit seit ihr beim morgige Newroz fest involviert?
Das werdet ihr morgen auf dem Newrozfest sehen.
Wie sieht die Repression des Staates gegen junge Aktivist_innen unter 18 aus?
Wir haben es bei dem türkischen Staat mit einem Apparat zu tun, der beim Ausüben von Repression nicht zwischen Kindern, Jugendlich und Erwachsen unterscheidet. So wurde in den 1980er Jahren häufig das Alter von Minderjährigen bei ihrer Verhaftung hoch gesetzt, um das volle Strafmaß anzuwenden und sie somit mit härteren Repressionen konfrontieren zu können. Und auch in den letzten Jahren wurden im Rahmen der KCK-Verfahren weit über 2000 Minderjährige verhaftet und sitzen nun im Gefängnis.
Im letzten Monat wurde bei den Protesten am 15. Februar, also am Jahrestag der Festnahme Öcalans, der 19-jährige Aktivist Şahin Öner von einem Panzer überfahren. Es sind die selben Repressionen mit der jede_r Aktivist_in der kurdischen Freiheitsbewegung konfrontiert ist. Das Alter spielt hierbei keine Rolle.
Wie geht die Jugend mit Repressionen um? Wie ist der Umgang mit Gefangenen, gibt es Solidaritätsarbeit?
Die Repression gegen die Bewegung und vor allem gegen die Jugendbewegung hat eine große Bedeutung für jede_n Einzelne_n. Jeder_r von uns hat mindestens 5 Freunde, die gerade auf Grund ihrer politischen Aktivitäten im Gefängnis sitzen. Gerade wurde beispielsweise eine 18-jährige Genossin zu einer Haftstrafe von 60 Jahren verurteilt. Wir haben versucht dies zu verhindern, indem wir Unterschriften gesammelt haben aber es hat nichts genützt.
Natürlich unterstützen wir die Leute im Knast. Bücher werden beispielsweise in Haft von uns gewährleistet. Die Gefangenen haben das Bewusstsein, dass wir mit ihnen sind. Sie haben eine sehr hohe Bedeutung für uns und lassen sie nicht hinten rüber fallen.
Wie ist eure Hoffnung bezüglich des Friedensdialogs?
Es wird von einem angeblichen Friedensprozess gesprochen aber für diesen Prozess wurde die Bedingung gestellt werden, dass unsere Freund_Innen in den Bergen sich zurück ziehen oder in andere Länder gehen müssen. Unsere Freund_Innen sind aber nicht in die Berge gegangen, um zu Picknicken. Diese Gegend ist die Wiege des kurdischen Volks, mit welchem Grund wollt ihr sie zwingen dies zu verlassen?
So lange Öcalan noch hinter Gittern sitzt, ist noch keine Rede von Frieden und so lange wird die Jugend nicht aufhören, zu kämpfen.
Der Aufruf des Vorsitzenden wir so sein, dass die Waffen schweigen sollen, aber wir sind keine bewaffneten Kräfte und werden nicht aufhören zu kämpfen und werden weiter machen bis unser Ziel erreicht ist.
Teilst du die Einschätzung, dass viele Jugendliche sich mit der Gewissheit organisieren, irgendwann im Knast zu landen? Und wie können sie trotz dieser Gewissheit so viel Kraft haben?
Als wir mit dieser Arbeit angefangen haben, haben wir nicht damit gerechnet, festgenommen zu werden, sondern eher auf der Straße abgeknallt zu werden. Das einzige was wir fürchten, wenn wir festgenommen werden ist, dass wir in den Händen des Feindes sind und nicht mit kämpfen können. Allerdings hat der Hungerstreik gezeigt, dass Menschen auch hinter Gittern und Mauern Widerstand leisten können.
Wenn ich im Knast bin, weiß ich, dass tausende von Menschen an mich denken und mit und für mich kämpfen. Die Liebe ist das was die Bewegung auszeichnet.
Der Staat verfolgt uns, es gibt eine krasse Repression und wir könnten morgen auf offener Straße umgebracht werden. Unsere Existenzgrundlage ist die Liebe, die auch Freund_Innen in den Bergen fühlen. Wir bekommen dauernd mit, wie Kriegsflugzeuge hier losfliegen, um unsere Freund_Innen in den Bergen zu bombardieren. Mütter und Schwestern können jederzeit vergewaltigt werden. Der Staat führt krasse psychologische Kriegsführung gegen uns.
Wir können dem ganzen nur die Liebe entgegensetzen, das ist unsere Antwort und uns bleibt nichts anderes übrig als der Unterdrückung unsere Liebe entgegenzusetzen.






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